Dr Michael Klinge im Interview mit hrInfo
Am 20. November war bei hr-iNFO das Fachwissen von Dr. Michael Klinge (Verlagsleiter und Produktmanager des CHEManagers), bezüglich der aktuellen Auftragslage in der chemischen Industrie gefragt. Anlass für das Live-Interview war die an diesem Tag von der BASF gemeldete vorübergehende Außerbetriebnahme von rund 80 Anlagen weltweit. Michael Klinge nahm Stellung zu der aktuellen wirtschaftlichen Situation und den Folgen für die chemische Industrie in Deutschland.
>> hr-iNFO, Volker Hirth:
Der Chemiekonzern BASF schließt wegen des schwierigen wirtschaftlichen Umfeldes
weltweit vorübergehend 80 Anlagen. In gut 100 Anlagen wird außerdem die
Produktion gedrosselt. Betroffen sind weltweit etwa 20.000 Beschäftigte, 5.000 allein in
Ludwigshafen.
Ich begrüße Herrn Dr. Michael Klinge. Er ist Chemiker und Redakteur der Fachzeitschrift CHEManager. Schönen guten Tag Herr Dr. Klinge.
Wie schlimm steht es denn um die BASF?
>> Dr. M. Klinge:
Also grundsätzlich überhaupt nicht schlimm. Die BASF hat in den ersten neun Monaten
diesen Jahres fast 6 Milliarden € vor Steuern verdient. Das sind nochmals 10 % über
dem Vorjahr. Damit ist die BASF das Aushängeschild der Branche, gilt als extrem gut
aufgestellt und extrem gut geführt. Trotzdem kann sich natürlich auch ein Unternehmen
wie die BASF nicht von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abkoppeln. Und die sehen im Moment so aus, dass die Chemie eine zyklische Branche ist, die stärker als andere Industriezweige den normalen Konjunkturzyklen unterliegt. Zudem ist die Chemie ein Frühzykliker, ist also in einem frühen Stadium von konjunkturellen Schwankungen negativ wie positiv betroffen. Und dieses Phänomen beobachten wir gerade. Wir stehen am Anfang einer Rezession und demzufolge muss die chemische Industrie ihre Produktionen nach unten anpassen. Und das beobachten wir gerade. Allerdings ist das Phänomen für die chemische Industrie nicht neu, sondern das macht sie eigentlich schon seit Jahrzehnten durch.
>> hr-iNFO:
Hessen ist ja auch ein wichtiger Chemie-Standort. Welche Unternehmen könnte es denn nach BASF auch
hierzulande treffen?
>> Dr. M. Klinge:
Die Produktionsanpassungen bei der BASF sind ja kein unternehmensspezifisches Problem, sondern es sind konjunkturell bedingte Effekte. Insofern ist natürlich fast die ganze Branche betroffen. Und weil dies eben die ganze Branche betrifft, sind auch hessische Unternehmen betroffen, z.B. hat die Darmstädter Firma Merck schon vor einigen Wochen über Produktions- und Umsatzrückgänge im Pigmentgeschäft berichtet. Diese Pigmente verkauft die Firma Merck zuvorderst an die Automobilindustrie. Und die allgemein bekannte prekäre Situation der Automobilindustrie ist bekanntlich der Grund dafür, dass die gesamte chemische Industrie im Moment in Absatzschwierigkeiten steckt.
>> hr-iNFO:
Wir haben ja erlebt, dass einst große stolze Banken aber auch Autofirmen um Hilfe beten. Werden nun möglicherweise als nächstes die Chemieunternehmen staatliche Unterstützung verlangen? Ist das ein mögliches Szenario?
>> Dr. M. Klinge:
Das halte ich für ausgeschlossen. Die chemische Industrie ist äußerst effizient, innovativ und wettbewerbsfähig. Und sie wird trotz Finanzkrise und Rezession ihre Stellung auf dem Weltmarkt behaupten und ihre starke Stellung vielleicht sogar ausbauen können. Bürgschaften von staatlicher Seite halte ich für die chemische Industrie im Moment für ausgeschlossen. Dafür ist die Branche zu gesund.
>> hr-iNFO:
Ich entnehme Ihren Worten, die Chemieindustrie kommt möglicherweise als Erstes aus der Krise heraus?
>> Dr. M. Klinge:
Richtig. Sie ist ein Frühzykliker und sie wird als Erster aus der Krise wieder herauskommen.
>> hr-iNFO:
Massiver Nachfragerückgang bei BASF. Die Produktion wird weltweit gedrosselt. Welche Folgen das hat, dazu Dr. Michael Klinge, Chemiker und Redakteur der Fachzeitschrift CHEManager. Vielen Dank.
Das Interview ist auch als Audiodatei unter www.CHEManager.de abrufbar.
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